Schützt Lycopin aus Tomaten tatsächlich vor Prostatakrebs?

Tomaten sind leicht verdaulich und das mit Abstand beliebteste Gemüse der Deutschen. Sie enthalten Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe – hiervon vor allem das Lycopin. Es gehört zu den Carotinoiden und weist Eigenschaften auf, die Krebs vorbeugen und entgegenwirken können. Prostatakrebs ist hingegen trauriger Spitzenreiter unter den Tumoren bei Männern in Deutschland.

Noch 2007 wurde angenommen, dass der Verzehr von Tomaten auf Grund ihres roten Farbstoffs – dem Lycopin – vor Prostatakrebs schützen kann. Besonders galt dies für verarbeitete Produkte wie Tomatensaft, Tomatensoße und Ketchup. Durch das Erhitzen der Tomaten kann das Lycopin nämlich vom Körper in deutlich größeren Mengen aufgenommen werden. Nach Auswertung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Daten des World Cancer Research Fund (ein globales Netzwerk von Wissenschaftlern zur Förderung der Krebsprävention) gehört Lycopin seit 2014 nicht mehr zu den Substanzen, die wahrscheinlich vor Prostatakrebs schützen können. Solche Veränderungen in wissenschaftlichen Aussagen können irritieren, weshalb wir uns das genauer anschauen werden.

Wissenschaftliche Empfehlungen entstehen aufgrund der aktuellen Datenlage, d.h. es wird geprüft, was es für Studien gibt, nach welchen Kriterien diese Studien durchgeführt wurden, wie gut die statistische Aussagekraft ist und schließlich, ob sich daraus eine allgemeine Empfehlung für die gesamte Bevölkerung oder für spezielle Zielgruppen ableiten lässt. Es ist wichtig die Gesamtheit der Daten einzubeziehen, denn wissenschaftliche Studien sind immer unterschiedlich: Sie untersuchen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen – Alte, Junge, Frauen, Männer, Gesunde, Kranke, Sportliche, etc.–, haben unterschiedliche Fragestellungen, unterschiedlich viele Teilnehmer, unterschiedliche Analysemethoden im Labor, und anderes mehr. Und zu guter Letzt ernähren wir uns auch ganz vielfältig, und über das ganze Leben gesehen verändert sich unser Essverhalten immer wieder. So viele Faktoren spielen eine Rolle dabei, dass es schwierig ist, definitiv zu sagen, dass ein ganz bestimmter Inhaltsstoff vor einer ganz bestimmten Krankheit schützt. Große Studien, die viele Menschen über lange Zeiträume hinweg beobachten, immer wieder Daten zu Gesundheit und Ernährungsverhalten abfragen, liefern häufig wichtige Anhaltspunkte, können aber keine Zusammenhänge beweisen. Deshalb werden die erhaltenen Hypothesen in kleineren so genannten Interventionsstudien überprüft, ob sich im Körper etwas verändert, wenn z.B. gezielt viele oder aber gar keine Tomatenprodukte von den Teilnehmern der Studie verzehrt werden. Dies kann Hinweise zu Mechanismen liefern und den Zusammenhang erhärten. In Bezug auf Tomaten und Lycopin wurden solche Studien bereits durchgeführt. Auch wenn noch weitere Studien benötigt werden, gibt es erste interessante Ergebnisse.

Die Daten weisen darauf hin, dass das durch den Verzehr von Tomatenprodukten aufgenommene Lycopin, wahrscheinlich im Zusammenwirken mit anderen Inhaltstoffen der Tomate, eine schützende Wirkung haben kann. Rein als Nahrungsergänzung, scheint isoliertes Lycopin diese Wirkung nicht zu entfalten.

Hinzu kommt, dass immer mehr Messungen und Daten zeigen, dass es nicht nur eine Art von Prostatakrebs gibt. Auch ist jeder Mensch individuell – bei manchen finden sich nach dem Verzehr derselben Menge von Tomatenprodukten sehr hohe Lycopinwerte im Blut, bei anderen nur geringe. Diese Erkenntnisse haben dazu beigetragen, dass es momentan keine allgemeine Empfehlung für die Aufnahme von Lycopin zum Schutz vor Prostatakrebs gibt, da weitere Studien und differenziertere Analysen benötigt werden. Dennoch gilt weiterhin, dass Tomaten und Tomatenprodukte wichtige Nährstoffe liefern und die Gesundheit unterstützen.

Bis die Daten deutlicher nachweisen, für wen ein hoher Tomatenkonsum besonders günstig ist, gilt die einfache und immer gute Devise: „Essen Sie viel Gemüse, denn das fördert die Gesundheit“. Essen Sie farbenfrohes Gemüse, wechseln Sie die Sorten und die Zubereitungsart – mal roh, mal gekocht – und greifen Sie zu den Produkten der Saison und Ihrer Region.

Vorschläge, wie Sie die Vielfalt mit Tomaten genießen können finden Sie auf unserem Blog unter „Getrocknete Tomaten – genial & gesund“, „Selbst eingelegte Tomaten“ und „Brokkoli-Tomaten-Gemüse – auf die 100 % leckere Art“.

Veronika Flöter

Über Veronika Flöter

Veronika Flöter leitet gemeinsam mit Frau Beutler die Beratungsstelle Ernährung und Krebs am Tumorzentrum München und weiß die Wissenschaft mit der Praxis zu verbinden. …

Kommentare

Schützt Lycopin aus Tomaten tatsächlich vor Prostatakrebs? — 4 Kommentare

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  3. Es gibt nun wirklich reichlich Studien, die beweisen, das Lycopin (konzentriert z.B. in Tomatenmark) hochwirksam ist.
    Dass von interessierter Seite trotzdem behauptet wird, es gebe keine Wirksamkeit, ist nichts Neues, da nach deren Meinung nur Medikamente mit horrenden Preisen wirksam sein können.
    „Der letzte Grund des Widerstandes gegen Neuerungen in der Medizin ist immer der, dass hunderttausende von Menschen davon leben, dass etwas unheilbar ist.“ Prof. Dr. Friedmann

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar zu unserem Blogbeitrag. Bereits 1995 galt Lycopin, das vor allem aus Tomaten (-produkten) aufgenommen wird, als Schutzfaktor vor Prostatakrebs [1]. Eine Fragebogenauswertung ergab damals, dass ein Verzehr von 2-4 Portionen Tomatensoße pro Woche mit einem 35% geringeren Risiko an Prostatakrebs zu erkranken und mit einem um 50% geringeren Risiko für fortgeschrittenen Prostatakrebs assoziiert ist [2].

      Doch wie sieht die Datenlage aktuell aus?
      2014 zeigt eine ähnliche Befragung von fast 50.000 Fachleuten im Gesundheitswesen, dass ein höherer Verzehr lycopinhaltiger Nahrungsmittel wie Tomaten (-produkte), Wassermelone oder Grapefruit mit einer verminderten Gefäßneubildung durch den Tumor und einem niedrigeren Risiko für tödlichen Prostatakrebs assoziiert ist [3]. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017 über große Beobachtungsstudien ergab, dass eine höhere Lycopinaufnahme und höhere Lycopin-Blutspiegel mit einem reduzierten Prostatakrebsrisiko verbunden sind [4]. Jedes Erhöhen der Lycopin-Aufnahme um 2 mg war mit einer Senkung des Erkrankungsrisikos um 1 % verbunden [4].
      Nur wenige Studien untersuchen den Zusammenhang von Lycopin auf einen vorhandenen Prostatatumor. Eine Fragebogenanalyse mit mehr als 1.000 Teilnehmern untersuchte die Häufigkeit des Verzehrs verschiedenster Lebensmittel bzw. Lebensmittelgruppen. Laut dieser Untersuchung kann das Voranschreiten der Erkrankung um 20 % reduziert werden, wenn sich der Verzehr von Tomaten(-produkten) um zwei Portionen pro Woche erhöht [5].
      Es existieren nur wenige kleine Studien, bei denen Prostatakrebspatienten verglichen mit Kontrollpatienten Lycopin in einer genauen Dosierung bzw. Tomatenprodukte mit definiertem Lycopingehalt einnehmen, um die Auswirkung auf den Tumor zu beobachten. In einer dieser Studien wurde 15 Patienten zweimal täglich über 3 Wochen vor der Operation 15 mg Lycopin täglich verabreicht, 11 Kontrollpersonen bekamen in dieser Zeit kein Lycopin [6]. Beobachtet wurde eine Hemmung des Tumorwachstums in der Gruppe, die Lycopin als Kapsel erhielt.
      Eine weitere Studie untersuchte die Wirkung von 30 mg Lycopin als Tomatenextrakt-Kapsel auf eine bestehende gutartige Prostatatumorvorstufe bei 58 Patienten. Es konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Lycopin- und der Placebo-Gruppe aufgezeigt werden – weder hinsichtlich der PSA-Werte noch der Krebsentwicklung. Aufgrund der widersprüchlichen Ergebnisse, kurzer Studiendauern und der geringen Teilnehmerzahlen kann aus diesen Studien noch kein klinisch relevanter Schluss gezogen werden.

      Was heißt das nun?

      Aufgrund dieser Datenlage, lassen sich weder für lycopinhaltige Nahrungsmittel noch für Lycopin als Nahrungsergänzungsmittel verbindliche präventive oder therapeutische Empfehlungen ableiten. Dafür sind weitere Studien mit einem längeren Beobachtungszeitraum notwendig, die u.a. den signifikanten Wirksamkeitsnachweis und/oder Untersuchungen zur Bioverfügbarkeit am Menschen prüfen.

      Quellen:
      1. Giovannucci, E., et al., Intake of carotenoids and retinol in relation to risk of prostate cancer. J Natl Cancer Inst, 1995. 87(23): p. 1767-76.
      2. Giovannucci, E., Lycopene and prostate cancer risk. Methodological considerations in the epidemiologic literature. Vol. 74. 2002. 1427-1434.
      3. Zu, K., et al., Dietary lycopene, angiogenesis, and prostate cancer: a prospective study in the prostate-specific antigen era. J Natl Cancer Inst, 2014. 106(2): p. djt430.
      4. Rowles, J.L., 3rd, et al., Increased dietary and circulating lycopene are associated with reduced prostate cancer risk: a systematic review and meta-analysis. Prostate Cancer Prostatic Dis, 2017. 20(4): p. 361-377.
      5. Chan, J.M., et al., Diet after diagnosis and the risk of prostate cancer progression, recurrence, and death (United States). Cancer Causes Control, 2006. 17(2): p. 199-208.
      6. Kucuk, O., et al., Phase II randomized clinical trial of lycopene supplementation before radical prostatectomy. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev, 2001. 10(8): p. 861-8.
      7. Kaiser, A., et al., The evolving role of diet in prostate cancer risk and progression. Curr Opin Oncol, 2019.

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